Hören Sie auf Ihre Berufung zu suchen!

„Machen Sie Ihre Berufung zum Beruf!“ „10 Wege aus Ihrer Berufung Geld zu machen!“ „Die 7 Schritte zu Ihrem Traumberuf!“ „Finden Sie Ihre Berufung!“

So oder so ähnlich rufen die Berufungsfanatiker von den Dächern. Suchen Sie! Finden Sie! Entwickeln Sie! Dabei vergessen jene aber, dass Berufung eben nicht gesucht, gefunden oder gar verbessert werden kann. Und sowieso: Einzelne Tätigkeiten, wie etwa ein Beruf, können nie dem Anspruch genügen, uns komplett zu erfüllen. Wer nur nach Tätigkeiten strebt, die immerzu der kompletten Auslebung der eigenen Berufung dienen, macht sich ohnehin zielsicher unglücklich. Daher mein Vorschlag: Lassen Sie Ihre Berufung in Frieden! Sie weiß schon, was Sie tut.

Berufung ist, was Sie draus machen

Der Duden definiert Beruf als „Tätigkeit, mit der jemand sein Geld verdient“, Berufung hingegen als „Lebensaufgabe“ oder, schöner noch, als „Lebenssinn“. Sie sehen hier bereits, Berufung ist wesentlich abstrakter und größer, als es ein Beruf je sein kann. Doch was genau ist Berufung?

Wir können uns dem Kern der Berufung nähern, wenn wir sie zuerst als Lebenssinn verstehen. Diesen Lebenssinn können Sie in allen Domänen Ihres Seins erleben, in Ihrem Beruf, Ihrer Freizeit, oder daheim bei Ihrer Familie. Beispielsweise könnten Sie einen Sinn darin sehen, andere Menschen in Ihrer Entwicklung zu unterstützen. Sie wählen also den Beruf des Coachs. Und? Sind Sie jetzt komplett erfüllt? Das kommt darauf an. Es kommt darauf an, ob Sie diesem Lebenssinn auch in Ihrer Freizeit (Sporttrainer) und daheim (Hausaufgabenhilfe) folgen. Ihr Beruf kann niemals zur Berufung werden. Aber im Beruf kann Ihre Berufung einen Ausdruck finden.

„Ihr Beruf kann niemals zur Berufung werden. Aber im Beruf kann Ihre Berufung einen Ausdruck finden.“

Berufung als großes Ganzes

Doch halt! Bisher sind wir mit der Idee der einen Lebensaufgabe nicht besser als jene, die aus Berufen Berufung machen! Das volle Potential Ihrer Berufung erkennen Sie dann, wenn Sie sie weder zeitlich noch inhaltlich einschränken. Erst, wenn Sie Ihre Lebensziele in ihrer Gesamtheit anschauen, bekommen Sie eine Idee von der Größe Ihrer Berufung.

Berufung ist die Summe all der Tätigkeiten und persönlichen Ziele, die Sie für sich persönlich verfolgen. Doch wie wählen Sie eigentlich diese Ziele?

Der Ruf von innen

Warum verhalten wir uns so und nicht anders? Die Psychologie unterscheidet grob zwischen zwei Ursachen menschlichen Verhaltens: intrinsische und extrinsische Motivation. Wir reden von intrinsischer Motivation, wenn Sie eine Tätigkeit ihrer selbst willen tun. Extrinsisch motiviert sind Sie dann, wenn Sie mit Ihrer Tätigkeit äußere Anreize wie zum Beispiel Geld, Lob oder Berühmtheit verfolgen. Ein Beruf etwa gibt Ihnen äußere Anreize in Form von Entlohnung, um eine bestimmte Tätigkeit auszufüllen. Ihre Berufung hingegen kommt von innen. In welcher Tätigkeit sind Sie zuletzt vollends aufgegangen? Egal, was es war: Diese Tätigkeit war ein Ausdruck Ihrer Berufung.

Kontext, Kontext, Kontext

Vielleicht kaufen Sie mir meine Werbung für Ihre Berufung bis hierhin ab, vielleicht denken Sie aber auch: „So ein Quatsch!“ oder konkreter „Jetzt soll ich also doch wieder komplett meiner Berufung folgen. Aber manchmal gibt es eben weltlichere Dinge zu tun, als sich permanent selbst auszuleben.“ Und damit haben Sie vollkommen recht. Denn keine Tätigkeit an sich dient dazu Ihrer Berufung zu folgen. Erst im Kontext Ihres gesamten Schaffens zeigt sich die Passung zu Ihrer Berufung, oder eben nicht. Vielleicht arbeiten Sie in einem guten Job, der Sie zwar nicht erfüllt, aber Ihnen ein gutes Auskommen bietet und dank dessen Sie in Ihrer Freizeit Ihre Berufung ausdrücken können. Oder denken Sie an mein geliebtes Beispiel der Steuererklärung: Lästig ist sie allemal, aber ist es wirklich noch tragisch seine Steuererklärung für eine erfüllende Tätigkeit zu machen? Schauen Sie sich diese Quasiberufungen an und fragen Sie sich „Dienen Sie einem größeren Ziel? Oder rauben Sie mir einfach nur Zeit, die ich lieber anders nutzen möchte?“

Berufung ist Ihr aufrichtiges Ich

Oben sagte ich, Sie sollen aufhören Ihre Berufung zu suchen. Ich möchte diesen Satz präzisieren: Hören Sie auf Ihre Berufung im Außen zu suchen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie Sie Ihre Berufung ausdrücken können, aber alle haben eines gemein: Sie entsprechen Ihrem Selbst. In der humanistischen Psychologie bezeichnen wir Menschen, die entsprechend Ihrem Selbst handeln, als selbstkongruent oder selbstaufrichtig. Diese Menschen setzen ihre bewussten Ziele so, dass Sie ihren persönlichen Bedürfnissen und Wünschen entsprechen. Es wird Sie nicht verwundern, dass Selbstkongruenz einen großen Einfluss auf Ihre Lebenszufriedenheit hat. Ihre Berufung zu finden ist also gar kein aufwändiger Prozess. Schauen Sie einfach nach innen. Dann müssen Sie nichts suchen, Sie dürfen einfach erleben.

 

 

Picture Credit: Jamie Street

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