Welchen Sinn erleben Sie?

Auf meinem XING-Profil stehen in der Kategorie „Ich suche…“ als erstes die beiden Wörtchen „…den Sinn.“ Auch wenn ich damit meiner Zugehörigkeit zur Millenial-Generation mehr als gerecht werde, stehe ich zu meinem Sinn-Fokus. Denn, obwohl man es auf den ersten Blick meinen könnte, es ist keine Absage an klassische, ehrliche Arbeit. Im Gegenteil: Es ist der Anspruch, nur ehrliche Arbeit zu verrichten. Es ist der Anspruch an mich selbst, zu meinen Werten, Einstellungen und Fähigkeiten zu stehen und diese für ein aus meiner Sicht sinnvolles Tun einzusetzen.
Mit diesem Artikel und meiner Arbeit im Allgemeinen möchte ich Sie einladen, Ihrem eigenen Sinn mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Sinn wird erlebt, nicht gesucht

Trotz meiner XING-Aussage bitte ich Sie: Suchen Sie nicht zu oft Ihren Sinn. In dem Moment, wo Sie den Sinn suchen, sind Sie bereits nicht mehr sinnvoll beschäftigt. Sinnsuche geschieht nur dann, wenn wir uns hinterfragen (zurückblicken) oder unsere Zukunft planen (vorausschauen). Sinnsuche ist nie gegenwärtig. Sinnerleben ist immer gegenwärtig. Bleiben Sie mehr im Moment.

Flowerleben & Arbeitsengagement – Synonyme für Sinn

Dieses „im Moment sein“ ist der Psychologie keinesfalls unbekannt. Der Glücksforscher Mihály Czíkszentmihályi bezeichnet das als „Flow-Erleben“. Wir sind im Flow, wenn wir uns in einem Zustand völliger Vertiefung befinden und restlos in unserer Tätigkeit aufgehen. Den Zugang zu diesem Flow-Erleben findet jeder auf seine persönliche Weise. Um dem näher zu kommen, stellen Sie sich folgende Fragen: Wann sind Sie das letzte Mal im Flow gewesen? Wann haben Sie zuletzt nicht über das nachgedacht, was Sie in diesem Moment tun? Was haben Sie direkt davor getan, gedacht, beschlossen?
Versuchen wir Sinnerleben im Kontext der Arbeitswelt zu beschreiben, sprechen wir von außerordentlichem Engagement. Nach Wilmar Schaufeli und Arnold Bakker, den Entwicklern der Utrecht Work Engagement Scale, drückt sich erhöhtes Engagement durch große Tatkraft, völlige Hingabe und ein Aufgehen in der Tätigkeit aus. Dieser Zustand führt zu einer Steigerung der Motivation, Leistung und Zufriedenheit und ist somit für Mensch und Unternehmen äußerst positiv.
Falls Ihnen „Sinn“ also zu entrückt erscheint, bieten Ihnen „Flow“ oder „Engagement“ eine greifbare Alternative. Oder gibt es einen ganz anderen Ausdruck, der für Sie dieses Gefühl beschreibt?

Sinnvoll ist, was Ihre Fähigkeiten und Leidenschaften verbindet

Bleiben wir aber für einen Moment beim Sinnbegriff. Im Japanischen gibt es ein Konzept zur Beschreibung des Lebenssinns: Ikigai. Jeder Mensch empfindet Ikigai, wenn eine Tätigkeit die Antwort auf folgende vier Fragen darstellt: Was lieben Sie? Was können Sie? Was braucht die Welt? Und wofür können Sie bezahlt werden? Viele unserer Tätigkeiten beantworten lediglich zwei oder drei dieser Fragen. Beispielsweise sind Hobbies etwas, dass Sie lieben und sicherlich gut können. Würden Sie jedoch nur Ihrem Hobby nachgehen, wären Sie recht bald auf finanzielle Hilfe angewiesen. Ihr Beruf wiederum wird offensichtlich gebraucht, und bezahlt werden Sie hoffentlich auch. Ikigai ist dann vorhanden, wenn Ihr Beruf und Ihr Hobby aus derselben Quelle schöpfen. Eine einzelne Tätigkeit muss also nicht zwangsläufig alle vier Fragen beantworten. In Summe sollte ihr Tagwerk dies aber können.

Sinn als Gesamturteil

„Flow-Erleben klingt doch wirklich gut. Sollen wir also nur noch Tätigkeiten ausführen, in denen wir völlig aufgehen?“ Diese Frage muss ich entschieden verneinen. Einzelne Tätigkeiten haben keinen Sinn. Sinn ergibt sich erst in der Betrachtung des gesamten Kontexts. Wenn ich als Berater tätig bin, dann ist nicht diese Tätigkeit an sich sinnvoll, sondern sie ist es, weil ich damit Menschen bestmöglich in ihrer Entwicklung unterstützen kann. Auch ungeliebte Tätigkeiten erhalten so einen Sinn. Denken Sie an Ihre Steuererklärung. Die ist zwar nach wie vor lästig, aber wenn Sie in Ihrer Steuererklärung eine Reihe von Tätigkeiten auflisten, bei denen sie Flow erleben, ist es doch eine durchaus sinnvolle Tätigkeit. Und wird es Ihnen doch zu lästig, denken Sie an jemanden, der Steuererklärungen sinnhaft findet und rufen Sie Ihre Steuerberaterin an.

Gesellschaftlicher Sinn

Auch die Unterstützung eines gesellschaftlichen Nutzens ist nur sinnhaft, wenn Sie diesem gesellschaftlichen Nutzen einen persönlichen Sinn beimessen. Diese Denkweise ist dabei keineswegs individualistisch, sondern eben Ausdruck Ihres persönlichen kollektivistischen Denkens. Auch für Ihr Unternehmen ist dies bedeutsam: Viele Firmen entscheiden sich dazu, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Welches gesellschaftliche Ziel finden Sie persönlich und aus Firmensicht unterstützenswert? Welcher gesellschaftliche Zweck passt zu Ihnen? Gesellschaftliches Engagement wird so nie eine Aufgabe, sondern immer Ausdruck Ihres Sinns und Ihrer Person sein.

Genießen Sie Ihren Flow

Keineswegs möchte ich Sie mit den vorangegangenen Worten dazu anhalten, an der Sinnhaftigkeit Ihrer Tätigkeiten zu zweifeln. Ich möchte Sie lediglich dazu einladen, aufmerksam zu sein. Aufmerksam für Ihre Fähigkeiten, Ihre Interessen, Ihre Wünsche. Viele Blockaden, ob beruflich oder persönlich, ob individuell oder unternehmensweit, entspringen einem Sinnmangel, einer fehlenden Antwort auf die Frage „Warum das Ganze?“ Sollten Ihnen diese Frage begegnen, wünsche ich Ihnen den Mut, sie aufrichtig zu beantworten. Und bis dahin: Genießen Sie den Flow, egal wo Sie ihn erleben.

 

Picture Credit: Pierre Van Crombrugghe

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